Subject: Re: Realname vs Pseudonym - Eine längere Stellungnahme (II.) Date: Sun, 30 Jan 2000 21:13:37 +0100 From: Erik Meltzer Newsgroups: de.soc.netzkultur.umgangsformen Moin! knorko-mat wrote: > (Wahrscheinlich wieder von meinem Netscape-Editor bis zur > Unleserlichkeit "formatiert" - sorry, aber auf meine Mail von So. 10.25 > hat leider niemand geantwortet...) Was vermutlich nur an deren Unlesbarkeit lag. Dieses Posting ist brauchbar formatiert. Prompt habe ich es gelesen. Es geht doch :-) [...] > Auch mir ist klar, dass der Umstand, wegen Äußerungen nicht "zur > Rechenschaft gezogen" werden zu können - gleich, ob unter sog. Realnamen > oder sog. Pseudonym getätigt -, einige Kindsköpfe oder Verwirrte reizt, > allerlei Unfug zu schreiben. [...] Aber was soll's! Genau das ist der Punkt. Ich bin ja durchaus auch der Meinung, daß sich unter den Allos (um Deine Begriffswahl aufzunehmen; "Allonymverwender" ist mir zu sperrig) auch "würdige" Diskussionsgegner befinden (Du z.B.) und filtere jene deswegen auch nicht generell. Trotzdem halte ich dieses Argument der "RNF" für zu bedeutsam, um es einfach mit einem "Aber was soll's" hinwegzufegen. In meinem Killfile (das übrigens anläßlich eines Rechnerwechsels demnächst von einer Totalamnesie dahingerafft werden wird) befindet sich (IIRC) *kein einziger* Realnamebenutzer. All jene, die schlimm genug waren, um von mir geplonkt zu werden, waren Allos. Ich halte das für ein gutes Indiz dafür, daß die meisten Elche auch Allos sind. Warum ist das ein Argument pro Realnamensempfehlung? Ganz einfach. Wenn unser typischer Troll, nennen wir ihn mal Hubert J. Elch, Allonym "AKlasseFreak", bei einem seiner ersten Ausflüge ins de-Usenet erfährt, daß er mit dem Namen vermutlich kaum gelesen werden wird, dann hat er drei Möglichkeiten: 1. Er trägt seinen Realnamen ein. Das bedeutet aber, daß [zumindest in seinem Hirn] die Gefahr zu bestehen scheint, daß ein paar Schläger vom örtlichen Opel-Fanclub sein Flamebait über den Mantona B übelnehmen und ihn mal besuchen kommen. 2. Er trägt einen gefakten Realnamen ein. Das bedeutet aber, daß er bei eventuellen Netzbekanntschaften mit anderen Opelhassern riskiert, als Lügner aufzufliegen und sich deren Vertrauen zu verscherzen. 3. Er bleibt "AKlasseFreak" und lebt mit den Folgen. 4. Er trollt sich. 1. und 2. wirken nicht sonderlich attraktiv, 3. verspricht weniger Leserschaft als erhofft. 4. erscheint so unverhofft attraktiv. Ziel erreicht. Will sagen: wer die (geringe) Gefahr, die davon ausgeht, daß man über D-Info seinen Wohnort bestimmen kann, nicht erträgt, der ist sich meist dessen bewußt, daß das, was er postet, Leute zu Racheakten hinreißen könnte. D.h., er wird sich aller Voraussicht nach auch an die übrigen Regeln der Netiquette nicht halten wollen. Dann ist es aber gut, wenn er geht, und auch gut, wenn er mit Allo postet, damit man ihn filtern kann, wenn man denn möchte. Ich möchte nicht filtern, aber ich gebe zu, daß mein Finger bei Allos lockerer über der "N"-Taste (nächste Nachricht) liegt als bei Realname-Verwendern. Ich filtere also quasi im Kopf vor, und ich empfinde das als praktisch. > Symbolisch insofern, als die bewusste Opposition zur Allesverwaltung und > Alleserfassung geäußert wird (ohne dass notwendigerweise _jedwede_ > Nötigkeit von Erfassung und Verwaltung bestritten würde!); Was soll denn "Allesverwaltung und Alleserfassung" bedeuten? Der Name ist abseits des persönlichen Umfelds das erste, was man gemeinhin von einem Menschen erfährt. Von da zur Alleserfassung ist kein großer Schritt, sondern eine halbe Weltreise. Deine Message-Header sagen viel mehr über Dich und darüber, wo ich Dich finden kann, aus als Dein Name. > Neben symbolisch und programmatisch ist sie aber > auch einfach praktisch: Ich will mich über bestimmte Themen nicht an > jedem Ort und mit jedem immerzu unterhalten. Durch Zeichnung eines > Artikels mit dem Namen, den "man" alltäglicherweise kennt, wäre eine > Zuordnungsmöglichkeit eröffnet, die mich in ihren Weiterungen > hochwahrscheinlich überforderte. Das ist doch aber ein Gegenargument zu vielen der Pseudos, sorry, Allos, die hier die Akzeptanz für ihren Namen gerade mit der Begründung einfordern, man kenne sie auch im RL unter demselben! Dein Argument ist doch genau das der RNF, daß sich nämlich, wenn Allos akzeptiert werden, jeder jederzeit eine neue Identität basteln kann und deswegen das alte Motto "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern" zu neuen Ehren kommt. Aber ich sehe, Du hast dich damit auch auseinandergesetzt. Nunwohlan: > Nein, es ist die Aussicht > auf die ja tatsächliche Verunsicherung, die in der allmöglichen > Verwendung MEHRERER Allonyme durch ein- und dieselbe physische Person > liegt. Jemanden "nicht zu fassen kriegen", im wahrsten Sinne des Wortes > nicht "dingfest" machen können, jemand "entzieht" sich womöglich gar der > VerANTWORTung... Das ist für das normale geängstete FDGO-Bürgerherz, > also auch für meins, schon eine Zumutung! Es bringt nicht viel, das ins Lächerliche zu ziehen. Ich will niemanden "dingfest machen", ich will bloß wissen, ob ich meinen Gesprächspartner schon kenne. Ich will hier eben auch Leute *kennenlernen*, egal auf welcher Ebene -- und dazu gehört es eben auch, jemanden mit einiger Sicherheit *wiedererkennen* zu können. Das ist mit Allonymen IMHO nicht gegeben. > Ich bin mit meinem Kram hier in eine NG geraten, in der die große > Mehrheit der Autoren ein-Satz-Mails bevorzugt, also so in der Art, wie > im Klassenzimmer Zettelkügelchen geworfen werden, auf denen z.B. steht > "Wer das liest ist doof". Nun, diese dsnu ist ja nicht die Usenet-Welt > *an sich*, sondern ein Ort der Metadiskussion (dachte ich). Da denkst Du auch gar nicht so verkehrt. Es ist halt so, daß gut geschriebene und lesbar formatierte Beiträge mehr zum Lesen, Verstehen und damit auch Antworten anregen als lieblos hingehauene. Und die Abschreckungswirkung, die von letzteren ausgeht, steigt stark mit ihrer Länge. > Nix für ungut. Auf irgendwann mal wieder. Ich freue mich auf Deine Antwort. MfG, Erik.