Subject: Realname vs Pseudonym - Eine längere Stellungnahme Date: Sat, 29 Jan 2000 16:36:03 +0100 From: knorko-mat Newsgroups: de.soc.netzkultur.umgangsformen [Hinweis: die Namen in der zweiten Zeile wurden aus Datenschutzgründen unkentlich gemacht] Hallo Ihr Also. Ich hab mir das alles jetzt 350 Postings lang angeschaut. Kenne inzwischen Erik Meltzer, M******* V*****, S****** L****, R***** M*******, H**** H********** und viele andere engagierte Diskussionsteilnehmer. Ja, engagiert. Und das isses dann auch schon gewesen. Ich dachte oft: Ja, warum teilen sich die beiden nicht endlich ihre Telefonnummern mit und quackeln ein bisschen so privat? Oder: Ja, hat's denn aufm Schulhof wieder nicht gereicht, muss denn jetzt die Welt erfahren, dass er von seinem Franzlehrer in die Pfanne gehauen wurde? Oder: Können die Kids nicht einfach mal still sein, wenn Erwachsene versuchen, eine einigermaßen stringente Diskussion aufzumachen? Die meisten der bemühten - naja, "bemüht" sagt man so, wenn man sonst, aus Höflichkeit, nix weiter sagen will - sind Pfadfindernaturen, autoritäre Jungspießer, Christen, sonstige Gutmenschen - und eitle, vorlaute Sabbelköppe. Ich werde um das Medium Usenet kämpfen, mit allem, was Ihr wahrscheinlich "intellektuellen Hochmut" nenntet, fiele einem unter Euch denn auch nur diese bescheidene Wendung ein - es wird wahrscheinlich über ein paar martialisch-nintendisch-tarzanischen Druckser nicht hinauskommen, etwa vom Kaliber "Plonk", "Killfile", "Troll" o.s.ä. Das Usenet den Intellektuellen!! Intellektuelle, das sind so Leute, die über eine Sache selbstverständlich dreimal nachdenken, sozusagen defaultmäßig, und die aber nötigenfalls (und es ist, traun, praktisch fast immer nötig!) auch sieben oder neun Mal die Sache wälzen - ja klar: das dauert! Da gibt's kein F+A-Posting im Fünf-Minuten-Takt! Meinetwegen soll's auch für die, die den Unterschied zwischen elektronischer weltweiter Kommunikation und einer Kneipenthekendiskussion nicht machen mögen oder können, ein paar NGs geben - aber die sollten dann Miszellen sein, also nicht das, weshalb es diese Veranstaltung Usenet eigentlich gibt. Ich denke, das Usenet ist ein einzigartiges Ideenübertragungsgerät, könnte ein Ort personalitätsunabhängiger Argumentation und Erhellung sein. Ich habe die Vorstellung, es sollte überhaupt keine Namen geben im Usenet, d.h. es sollte auch unmöglich sein, gewisse Argumentations"stränge" bestimmten "Personen" zuzuordnen. Denn wozu soll das gut sein? Wenn ich mir Menschen "aus Fleisch und Blut" vorstellen will - jateufel, dann pople ich nicht im Inter- oder Usenet, sondern gehe auf die Straße, ins Schwimmbad, in die Kneipe. So, jetzt hab' ich gegrölt, was gegrölt werden musste. Nun will ich aber die Menschheit nicht ohne ein Lernangebot in die Finsternis entlassen; deshalb hier ein paar thematische Einlassungen. Erstens : Die Angst Was ist Magie? Magie ist die Welt der "wirklichen" Namen - und der Magier ist der, der diese Namen kennt, gleich von Mensch, Tier, Baum und Strauch, von FeuerWasserWind natürlich auch; und er hat, indem er die "wirklichen" Namen weiß, MACHT über diese Entitäten. Er wird dieses Wissen geheimhalten, weil seine Machtposition ihm sog. "Vorteile" bringt; er wird an den Namenszauber GLAUBEN - und zwar glauben MÜSSEN, denn seine, des Magiers, Glaubwürdigkeit ist ständig gefährdet. Und hier kommt die Angst ins Spiel. Sie ist ein starker Verbündeter der Mächtigen, ja, die Erzeugung von Angst bei den Gläubigen und die Ausübung von Macht ist recht eigentlich ein- und dasselbe. Der Glaube an "wirkliche", "wahre", ja, auch allein an "richtige" Namen ist ein uralt hergebrachter Reflex auf Magie, er ist auch seit je her Ausdruck des Glaubens an Entitäten wie "Wahrheit" - und der törichten Hoffnung, damit (mit der "Wahrheit") alles "im Griff" zu haben, einer Hoffnung, die, je öfter sie scheitert, nur desto unbeirrter behalten wird in den magischen Köpfen auch z.B. der kleinen Usenet-Magier. Was willst Du mit dem "richtigen" Namen? Willst Du den so benamsten besuchen, willst Du seine Augenfarbe sehen, willst Du mit ihm Blutsbrüderschaft schließen wie Winnetou und Old Shatterhand? Du willst wissen, ob es einer "ehrlich" meint, ob er "mit seinem Namen" für das, was er oder Sie da geäußert hat, "einsteht". Wie sollte denn das genau aussehen? Ich für mein Teil wünsche mir, dass, wenn schon nirgendwo sonst, es wenigstens im Usenet keine Schwüre, keine Ehre, kein "Einstehen" für irgendwas, keine "Wahrheit" und kein "sich unmöglich Machen" gebe; sondern nur und ausschließlich Argumente, Thesen, Informationen. Pseudonyme (ich spreche lieber von Allonymen) machen Dir Angst, weil Du darauf dressiert bist, auf ganzganz viel "Information" aus zu sein und es für Dich schwer erträglich ist, dass da eine Information "ist" die Dir "eigentlich" "zusteht" und die Du dennoch nicht kriegst. Frechheit! Das muss anders werden! So denkst Du, und das ist ganz reines Polizeidenk bzw. - ins Bürgerliche gewendet - Denunziantendenk. Das ist, wie ich es nenne, eine neurotisch aufgeladene Umkehrung der Beweislast: Grundsätzlich ist jeder verdächtig, und jeder soziale Interaktand soll, der Neurose folgend, eine Vorleistung erbringen, nämlich den Verdacht, den in jedem Fall unabweisbaren, entkräften (... wird ihm aber - auch das ist Bestandteil jener bürgerlichen Umstelltseins-Neurose - nie völlig d.h. zur _restlosen_ Zufriedenheit des Neurotischen gelingen). Höchstwahrscheinlich "hast" Du "nichts zu verbergen" und bist, eigentümlich-verbockt, auch stolz darauf. Stolz. Zweitens: Die Macht Möglicherweise hast Du gelernt, dass Information auch etwas mit Macht zu tun hat; "zu tun hat" - richtig, aber genauer? Also: Informationen ("Wissen") stellen keine Macht dar, sind aber gleichwohl unverzichtbare Konstituente derselben, im Sinne einer notwendigen aber nicht hinreichenden Bedingung. Und vor allem: Es ist die informationelle *Disparität*, welche ein Machtverhältnis (mit) etabliert! Und das fängt in der Tat bei ganz klein, bei gewissermaßen "läppischen" Informationen, wie z.B. dem "tatsächlichen Namen", an. Soweit trügt Dich Dein "Gefühl" nicht. Wenn jemand ermächtigt ist, mich nach meinem Namen zu fragen und _selbst aber seinen Namen nicht zu nennnen "braucht"_ - dann ist da ganz zweifellos ein Machtverhältnis aktualisiert. Anders im Usenet (so wünsche ich es jedenfalls): Hier ist von vornherein jedwedes Machtverhältnis ausgeschlossen - zumindest bezüglich der Interaktion der "normalsterblichen" NG-Teinehmer (von Moderatoren, Serververwaltern, weltlicher Justiz, BKA usw. ist hier nicht die Rede). Deshalb sollte nie, auch nicht etwa über die "Namens"nennung, auch nur ein Anklang an Machtverhältnisse eingeführt werden. Denn das verdürbe alles, die wirklich grandiosen Möglichkeiten des Netzes wären versaut, wir hätten's vergeigt... Drittens: Die Logik Soweit ich das durchdringe und in Betrachtung der über dieses Thema anhängigen Threads in dieser NG scheint es genau eine Lösung - aber die gibt's auch wirklich! - zu geben, und zwar: Alle Namen seien als Allonyme ("Pseudonyme" in der alten Nomenklatur) zu betrachten! Irgendein "Beweis" durch jemanden, dass sein/ihr angegebener Name sein "echter" sei, ist nicht nur unmöglich, sondern - und vor allem - unerwünscht, untunlich und vollkommen sinnlos. Na? Ist doch tatsächlich die Lösung! (Lob angenehm, danke!) Ein Allonym kann mal so, mal so aussehen: ganz unauffällig, wie z.B. meines; kann ein "Spaßonym" sein wie "Knorko-mat"; Kann ein Brutalonym sein wie etwa "Josef Mengele" oder "Jack The Ripper" - und es ist erlaubt, sich zu einem "auffälligen" Allonym sein Teil zu denken - was ja wohl auch die Absicht dessen ist, der ein solches und kein anderes Allonym wählt; man darf sogar nachfragen, ja doch! Jeder, der schon mal die GeStaPo vor der Tür gehabt hat, ist ziemlich vorsichtig in Sachen "Identität" und Ausweis. Und was das "feige" anlangt, kann ich nur aus vollem Herzen sagen: Ja klar! Feigheit, ja bitte! Und die, die alle so mutig sind, sollen doch in den nächstbesten Krieg ziehen, vielleicht zu den Minensuchern; schätze, da fühlt mann's so richtig leben in sich, aber Hallo! Ich habe keine Lust, "geradezustehen" für irgendetwas, das ich sage oder schreibe, weder "mit meinem Namen" noch sonst irgendwie! Wenn ein Argument meinen Mund bzw. meine Tastatur verlassen hat, ist es in der Welt, und es "gehört" der Welt - ich bin in Fragen sogenannten "geistigen Eigentums" nicht heikel; an meiner Weisheit können sich alle laben, ohne dafür bezahlen zu müssen, und ob's _meine_ Weisheit ist, die den Fortschritt bringt, oder jemand anderes: ist das nicht völlig schnuppe? Hauptsache, 's kommt! Dafür erwarte ich aber auch, dass sie sich über meine Dummheiten ganz gratis und franko erregen, ohne mich gleich totmachen zu wollen oder mir tausend Frillionen Mark Strafe aufzubrummen. Zum Schluss noch einmal die Anregung, dieses Insidergetue mit den viele Abkürzungen und - ich nannte es bereits - nintendischen Gewaltwörtern ein bisschen 'runterzufahren. Also bitte, im ganzen nicht so pennälermäßig. Es ist eben kein AFU und auch kein CB (nein, das soll jetzt nicht heißen, AFu und CB seien Pennälerveranstaltungen! Himmelnochmal!), sondern was ganz, ganz Tolles: Das Usenet. Wenn es nicht kaputt gemacht wird, wer weiß, vielleicht fangen wir darin noch ganz unglaubliche Leuchtfische und freundliche, verspielte, kluge Kraken... Grüße Stephan (Knorko-mat)