Subject: Re: Realname vs Pseudonym - Eine längere Stellungnahme (II.) Date: Sun, 30 Jan 2000 19:09:26 +0100 From: knorko-mat Newsgroups: de.soc.netzkultur.umgangsformen Erste und letzte Nachlieferung 1.) "allo" ist genauso griechisch wie "pseudo" und heißt soviel wie "ander". (In z.B. "Allophon" oder "Allopathie" ist dieser Wortbestandteil bereits etabliert.) Ein Allonym ist also ein "Andername"; im Unterschied zu "Pseudonym" hat der vorgeschlagene Name nicht eine so starke Assoziations-Verweiskraft in Richtung Tarnung und Heimlichkeit, sondern alle Allonyme sind gleich "gut", die Verwendung eines bestimmten Allonyms ist umgebungs- und situationsrelativ und vor allem: dem Urteil des Verwenders anheimgegeben. 2.) Auch mir ist klar, dass der Umstand, wegen Äußerungen nicht "zur Rechenschaft gezogen" werden zu können - gleich, ob unter sog. Realnamen oder sog. Pseudonym getätigt -, einige Kindsköpfe oder Verwirrte reizt, allerlei Unfug zu schreiben. Da wird - und ich will gern glauben, dass unter denen, die solchen Unfug machen, die Benutzer _als solcher erkennbarer_ Pseudonamen überproportional häufig seien - der "Tarnkappen-Effekt" dann weidlich genutzt in einem Sinn, der von den besonneneren Befürwortern der Allonymität sicherlich nicht als der eigentliche gedacht wird. Aber was soll's! Ich ertrage das mit Leichtigkeit, wenn nur das Usenet auch, und über die Faxenmacher hinaus, dieser einzigartige Ideen-Umschlagplatz bleibt. Selbstverständlich ist die Verwendung von Allonymen auch symbolisch und programmatisch: Symbolisch insofern, als die bewusste Opposition zur Allesverwaltung und Alleserfassung geäußert wird (ohne dass notwendigerweise _jedwede_ Nötigkeit von Erfassung und Verwaltung bestritten würde!); programmatisch, weil so für die Emanzipation der Ideen von ihren physischen Medien, vulgo "Personen", geworben wird, also für einen utopischen, gleichwohl schon experimentell verwirklichten, Weltzustand (...von welchem die so Werbenden natürlich annehmen, er sei ein besserer, lustigerer). Neben symbolisch und programmatisch ist sie aber auch einfach praktisch: Ich will mich über bestimmte Themen nicht an jedem Ort und mit jedem immerzu unterhalten. Durch Zeichnung eines Artikels mit dem Namen, den "man" alltäglicherweise kennt, wäre eine Zuordnungsmöglichkeit eröffnet, die mich in ihren Weiterungen hochwahrscheinlich überforderte. (Für NGs wie dsnu gilt das sicherlich nur abgemildert, aber immerhin:...) 3.) Nun etwas, worauf ich auch in der ersten Lieferung schon hätte kommen können, als ich meine Thesen zur Angst und Magie zum besten gab. Es ist weniger die Verwendung eines Allonyms *an sich*, welches die Streiter für die ausnahmslose Verwendung der behördennotorischen Namen ("Real"name - zu dieser Verwendung des "real" ließe sich ja auch einiges sagen - aber lassen wir das...) beunruhigt. Nein, es ist die Aussicht auf die ja tatsächliche Verunsicherung, die in der allmöglichen Verwendung MEHRERER Allonyme durch ein- und dieselbe physische Person liegt. Jemanden "nicht zu fassen kriegen", im wahrsten Sinne des Wortes nicht "dingfest" machen können, jemand "entzieht" sich womöglich gar der VerANTWORTung... Das ist für das normale geängstete FDGO-Bürgerherz, also auch für meins, schon eine Zumutung! Aber eine tolle supi geilomat-Zumutung: Es ist die Zumutung, die FREIHEIT allzumal und allerorten ist, auch wenn's "nur" so'n bisschen Usenet ist. Aber ein erster, kleiner Anklang an Freiheit (eine Freiheit der neuen Art: Die, die man nicht allerwegen mit SICHERHEIT verrechnen muss!) ist es eben doch; ich habe mir angewöhnt, wenigstens die meiste Zeit, auch mir selbst vorzuspielen ich backte kleine Brötchen, bohrte dicke Bretter - und ich bin gar kein so schlechter Vorspieler und Selbstbetrüger, habe ich gemerkt. 4.) Ich bin mit meinem Kram hier in eine NG geraten, in der die große Mehrheit der Autoren ein-Satz-Mails bevorzugt, also so in der Art, wie im Klassenzimmer Zettelkügelchen geworfen werden, auf denen z.B. steht "Wer das liest ist doof". Nun, diese dsnu ist ja nicht die Usenet-Welt *an sich*, sondern ein Ort der Metadiskussion (dachte ich). Ich habe meinen Senf zu einem mich bewegenden Thema gegeben, zu lang, zu unverständlich, zu kurz, unvollständig sowieso... Nix für ungut. Auf irgendwann mal wieder. Mit freundlichen Grüßen Stephan (Knorko-mat)