Subject: Re: Realname vs Pseudonym - Eine längere Stellungnahme (II.) Date: Tue, 01 Feb 2000 19:47:43 +0100 From: knorko-mat Newsgroups: de.soc.netzkultur.umgangsformen Erik Meltzer schrieb: > knorko-mat wrote: >> Auch mir ist klar, dass der Umstand, wegen Äußerungen nicht "zur >> Rechenschaft gezogen" werden zu können - gleich, ob unter sog. Realnamen >> oder sog. Pseudonym getätigt -, einige Kindsköpfe oder Verwirrte reizt, >> allerlei Unfug zu schreiben. [...] Aber was soll's! > Genau das ist der Punkt. Ich bin ja durchaus auch der > Meinung, daß sich unter den Allos (um Deine Begriffswahl > aufzunehmen; "Allonymverwender" ist mir zu sperrig) auch > "würdige" Diskussionsgegner befinden (Du z.B.) und filtere > jene deswegen auch nicht generell. Trotzdem halte ich > dieses Argument der "RNF" für zu bedeutsam, um es einfach > mit einem "Aber was soll's" hinwegzufegen. Aber was NACH der Stelle, an der Du das Zitat jetzt abgebrochen hast, kam: Zeigt das nicht, dass ich da keinesweg etwas "einfach weggefegt" habe, sondern ein _anderes_ Gut gegen diese Idiotentätigkeit abgewogen habe und so zur Inkaufnahme derselben gelangt bin? > In meinem Killfile [...] befindet sich (IIRC) > *kein einziger* Realnamebenutzer. All jene, die > schlimm genug waren, um von mir geplonkt zu werden, > waren Allos. Ich halte das für ein gutes Indiz > dafür, daß die meisten Elche auch Allos sind. > Warum ist das ein Argument pro Realnamensempfehlung? > Ganz einfach. Wenn unser typischer Troll, nennen wir > ihn mal Hubert J. Elch, Allonym "AKlasseFreak", bei > einem seiner ersten Ausflüge ins de-Usenet erfährt, daß > er mit dem Namen vermutlich kaum gelesen werden wird, ...kann ich mir zwar *so* kaum vorstellen, aber gut, ich will Dein Beispiel mal nicht durch derlei "Spitzfindigkeiten" demontieren; wir wissen beide, dass das mit den Beispielen so 'ne Sache ist... > dann hat er drei Möglichkeiten: > 1. Er trägt seinen Realnamen ein. Das bedeutet aber, > daß [zumindest in seinem Hirn] die Gefahr zu bestehen > scheint, daß ein paar Schläger vom örtlichen > Opel-Fanclub [...] Also ist es wohl DOCH ziemlich leicht möglich, jemanden anhand seiner Email-Adresse _physisch_ zu lokalisieren???!! Das wäre allerdings ein *fetter* Grund, diese Möglichkeit mit wirklich ALLEN Mitteln abzustellen (also weit über die hier diskutierte Allonymie hinaus!). Auch jenseits dieses etwas abgefahrenen Hooliganbeispiels ist mir der Gedanke an die Möglichkeit, lokalisiert zu werden, eher unliebsam! Übrigens sollte allgemein in der NG und insbesondere seitens der "RNF" mehr darüber nachgedacht werden, ob es für diese (auch meine) Haltung in dieser Frage nicht doch vielleicht auch *wirklich gute, triftige* Gründe geben könnte... > 2. Er trägt einen gefakten Realnamen ein. Das bedeutet > aber, daß er bei eventuellen Netzbekanntschaften Was sind dann jetzt "Netzbekanntschaften" bitte? Sind das jetzt solche, denen ich auch physisch begegne? > mit anderen Opelhassern riskiert, als Lügner > aufzufliegen Na,Na! Um ein "Lügner" zu sein, braucht es doch wohl ein bisschen mehr als so etwas! Oder was für strenge Gesellen hast Du da im Sinn? (vgl. meine erste Lieferung: "Pfadfinder, Gutmenschen...") > und sich deren Vertrauen zu verscherzen. Das ist ein großes - aber eben ein anderes - Thema: Das mit dem "Vertrauen"! Ganzganz kurz: Vertrauen ist, wo wenn es einer *sagt*, isses weg, und pure Ideologie bleibt übrig. - Aber wie gesagt: Ist ein eigenes Thema. > 3. Er bleibt "AKlasseFreak" und lebt mit den Folgen. > 4. Er trollt sich. vgl. Monty Python's Flying Circus, der "You never expect the Spanish Inquisition"-Sketch > 1. und 2. wirken nicht sonderlich attraktiv, 3. verspricht > weniger Leserschaft als erhofft. 4. erscheint so > unverhofft attraktiv. Ziel erreicht. Wessen Ziel? Wie lautet das jetzt? (... "wie war das im Mittelteil?" (Otto, des öfteren, in "Ein Fisch namens Wanda")) > Will sagen: wer die (geringe) Gefahr, die davon ausgeht, > daß man über D-Info seinen Wohnort bestimmen kann, nicht > erträgt, der ist sich meist dessen bewußt, daß das, was > er postet, Leute zu Racheakten hinreißen könnte. Als erwachsener Mensch weiß ich, dass prinzipiell ALLES, WAS-AUCH-IMMER, ANYTHING, N'IMPORTE-QUOI, was ich irgendwie öffentlich äußere, jemandem - aus welcher Ursache oder mit welcher Begründung auch immer - so stark missfallen kann, dass er/sie den geistigen-verbalen Ideenrahmen verlässt und mich anderwie angreifen will. Diese Problem ist nicht aus der Welt zu schaffen, wenigstens einstweilen nicht. Bist Du, wie ich, der Meinung, solches Verhalten sei *in jedem Fall und unter allen Umständen absolut _abzulehnen_*? > D.h., > er wird sich aller Voraussicht nach auch an die übrigen > Regeln der Netiquette nicht halten wollen. Ich bin mir, mit Verlaub, nicht 100%ig sicher, ob Du die eben von mir gestellte Frage mit "Ja" beantwortet hast. Höre ich jetzt das Gras wachsen, oder ist da in Deinem Satz ein Subtext, der etwa lautet "... ist also selber schuld, wenn er Ärger kriegt - was schreibt er auch solche Sachen!"? Du scheinst also zu meinen, jemanden durch das, was man SCHREIBT, zu "Racheakten" hinzureißen (d.h. Akte, die über eine schriftliche Äußerung hinausgehen) sei gewissermaßen "Schuld" (z.B. Nichteinhaltung der Netiquette z.B.) *des Schreibers*, und dieser habe sich "die Folgen selbst zuzuschreiben". Oder wie? Bitte verdeutliche noch einmal, auch im dringenden Interesse aller Mitleser, auf wessen Seite Du in einem solchen Fall den zivilisatorischen Defekt verortest: Beim _Schreiber_ oder beim _"Rächer"_? Wir sind hier beim Kernpunkt der gesamten RN-Debatte angelangt. Es ist in Wirklichkeit eine Zivilisationsdebatte - und die kann gar nicht lange und ausführlich genug geführt werden: Das zu allen, die immer "Gähn!" machen und sich über diese Dinge erhaben dünken! > Dann ist es > aber gut, wenn er geht, Es ist nie, nie, nie "gut", wenn jemand "geht"! Auch wenn Du's (und auch sonst niemand) nicht wahrhaben willst: Sätze dieser Art sind lupenreine Todes-, ja, Tötungsmetaphern!! (Nicht wüten! Nachdenken!) > und auch gut, wenn er mit Allo > postet, damit man ihn filtern kann, wenn man denn möchte. > > Ich möchte nicht filtern, aber ich gebe zu, daß mein Finger > bei Allos lockerer über der "N"-Taste (nächste Nachricht) > liegt als bei Realname-Verwendern. Ich filtere also quasi > im Kopf vor, und ich empfinde das als praktisch. >> Symbolisch insofern, als die bewusste Opposition zur Allesverwaltung und >> Alleserfassung geäußert wird (ohne dass notwendigerweise _jedwede_ >> Nötigkeit von Erfassung und Verwaltung bestritten würde!); > Was soll denn "Allesverwaltung und Alleserfassung" bedeuten? Dass jede Bewegung, jede Veränderung (und sei es nur die des physischen Ortes) bemerkt, notiert, und *gegebenen*falls einer Begründungspflicht zugeführt wird - und wer, verdammt wer? weiß, wann dieser "Fall" "gegeben" ist, oder sein wird? "Jeder ist verdächtig! Gegen jeden liegt was vor!" war mal in den 70ern ein Spruch an der Wand; und genau das ist das Panier der Allesverwaltung und Alleserfassung, wie sie seit den 70ern schon grauslich weit Gestalt angenommen hat. Jedenfalls ist diese gern- und vielzitierte (aber doch scheint's weithin unverstandene) "1984"-Welt der reinste Kindergeburtstag dagegen... > Der Name ist abseits des persönlichen Umfelds das erste, > was man gemeinhin von einem Menschen erfährt. Gemeinhin. Aber - ich wünsche 's mir jedenfalls so sehr! - im Net ist das anders! Warum darf das denn hier im Net nicht mal _anders_ sein als gemeinhin? Warum denn nicht wenigstens mal probieren?! Wovor, wovor die Angst? Das ist nicht rhetorisch gefragt: Ich warte so sehr auf Antwort auf diese Frage! > Von da zur > Alleserfassung ist kein großer Schritt, sondern eine halbe > Weltreise. Deine Message-Header sagen viel mehr über Dich > und darüber, wo ich Dich finden kann, aus als Dein Name. Ja, aber *warum*, warum sollte jemand mich "finden" wollen?? Was steckt da hinter? Wenn wir jetzt mal nicht gerade in der Partnersuche-Ecke sind - : Es fallen mir für dieses Findenwollen nur un- bzw. antizivilisatorische Beweggründe ein. (Bitte!: "un- bzw. antizivilisatorisch" ist in seiner Bedeutung nicht einzuengen auf Konzepte wie "halunkig, dunkelmännisch oder psychopathisch". Die Weiten der Antizivilisation habe ich - und ich gebe zu: möglicherweise ein bisschen kryptisch - in meiner ersten Abhandlung angedeutet.) >> Neben symbolisch und programmatisch ist sie aber >> auch einfach praktisch: Ich will mich über bestimmte Themen nicht an >> jedem Ort und mit jedem immerzu unterhalten. Durch Zeichnung eines >> Artikels mit dem Namen, den "man" alltäglicherweise kennt, wäre eine >> Zuordnungsmöglichkeit eröffnet, die mich in ihren Weiterungen >> hochwahrscheinlich überforderte. > Das ist doch aber ein Gegenargument zu vielen der Pseudos, > sorry, Allos, die hier die Akzeptanz für ihren Namen gerade > mit der Begründung einfordern, man kenne sie auch im RL unter > demselben! Diese Variante war mir ehrlich gesagt gar nicht in den Sinn gekommen. Das ist dann von solchen Kandidaten in der Tat ein bisschen kindisch, darauf zu pochen, ihr Spitzname (und kein anderes Allonym) sei ihr _Real_name - denn um nichts anderes handelt es sich hierbei: Sie wollen einen "anderen Realnamen" führen und akzeptiert sehen. Das hat mit der Verwendung von Allonymen im hier diskutierten Sinne aber nichts zu tun. > Dein Argument ist doch genau das der RNF, daß > sich nämlich, wenn Allos akzeptiert werden, jeder jederzeit > eine neue Identität basteln kann ... Neien!! Einen neuen N A M E N ! Das, was Du (und eben zahlreichee andere Diskussionsteilnehmer auch) "Identität" nennst, ist eine Fiktion, ein ideologisches-demagogistisches Phantasma (...und, nebenbei gesagt: Wie überaus, wie unselig wirkungsmächtig!). Du beweist es selbst: Denn, wenn ich mir über so etwas vergleichsweise äußerliches wie einen Namen "jederzeit eine neue Identität basteln" kann, - ja, dann kann es mit diesem Ding "Identität" nicht gerade viel auf sich haben, nicht? Anders, wenn Du glaubst, der Name sei den Dingen und Wesen nicht äußerlich: Dann aber bist Du in der Welt der Magie - wie ich bereits in der ersten Lieferung versucht habe zu verdeutlichen. Hier müsste noch einiges semiotische und semiologische vertiefend ausgeführt werden. Ich mach vielleicht mal 'ne Website mit angeschlossener Diskussionsgruppe. Bis dahin sei das vertagt. (Gibt's aber auch etliche gute Literatur dadezu! Einfach mal bei den Linguisten vorbeischauen!) > und deswegen das alte Motto > "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern" zu neuen Ehren > kommt. Hier kommst Du auf einen weiteren Aspekt diese Kerns der Diskussion. Vergleiche hierzu auch diesen Thread-Teil, der die Äußerung "Menschen ändern sich nicht" behandelt. "Was kümmert mich heute mein Geschwätz von gestern", wie's überlieferterweise heißt, ist die, zugegeben etwas burschikose + provokante, Formulierung für eine durchaus fortschrittliche, erkenntnisfreundliche Grundhaltung zu (Hypo)Thesen, Argumenten, ja, auch zu "Überzeugungen" (...so etwas sollte man aber als erwachsener, intellektuell bemühter Geist sowieso nicht haben!). Getane Äußerungen, gemeinte Meinungen sind keine Nibelungentreueschwüre, auch keine irgendwie einklagbaren Verträge oder sonst etwas so steinernes-beinernes! Morgen schon kann ich auf etwas ganz neues kommen, das viel beschreibungs- und erklärungsadäquater ist als mein bisheriges Hypothesensystem. Soll ich etwa darauf verzichten, bloß weil ich meinen bisherigen Erkenntnisstand nicht für mich behielt, sondern auch schon ausgequatscht habe? Übrigens: Ich für mein Teil hab' es immer so gehalten, dass ich meine Fortschritte und Wandlungen transparent gehalten habe; schon als Lehre für andere ist das wichtig, damit vielleicht andere nicht in so längliche, seltsame Sackgassen rennen wie ich. Ich habe immer von dieser Haltung bei anderen Denkern profitiert. Und vom "intellektuellen Frühsport", das ist: Einmal pro Woche zwei, drei Lieblingshypothesen über Bord schmeißen: Könn'se wirklich schwimmen, komm'se auch wieder, wenn nicht, war's nich schade drum! Wenn ich mit meinem "Namen" zeichne, verwechseln das eben immer noch zu viele Menschen mit einer Unterschrift unter einen Vertrag oder so, jedenfalls irgendwas "Bindendes". Und das sollte nicht sein; deshalb, und just hier im Net ganz besonders, diese Reklame für allgemeine Allonymie. > Aber ich sehe, Du hast dich damit auch auseinandergesetzt. > Nunwohlan: >> Nein, es ist die Aussicht >> auf die ja tatsächliche Verunsicherung, die in der allmöglichen >> Verwendung MEHRERER Allonyme durch ein- und dieselbe physische Person >> liegt. Jemanden "nicht zu fassen kriegen", im wahrsten Sinne des Wortes >> nicht "dingfest" machen können, jemand "entzieht" sich womöglich gar der >> VerANTWORTung... Das ist für das normale geängstete FDGO-Bürgerherz, >> also auch für meins, schon eine Zumutung! > Es bringt nicht viel, das ins Lächerliche zu ziehen. Nein, natürlich nicht! Und ich war mir nicht bewusst, da etwas ins Lächerliche gezogen zu haben. Das mit dem "FDGO-Bürgerherz" ist natürlich ein bisschen launig-knapp formuliert, ist aber ganz ernst gemeint. Wichtiger ist mir, hier anzumerken, dass Du das Zitat hier - wie schon einmal weiter oben - an einer Stelle abbrichst, nach welcher der wichtige Knaller erst *kommt*! Die ganze Freiheits-Sache macht doch diese Zumutung zu einer, der man sich mit Aussicht auf reichen Lohn stellen soll - sage ich. > Ich will > niemanden "dingfest machen", ich will bloß wissen, ob ich > meinen Gesprächspartner schon kenne. Das hier im Net betrachte ich nicht als "Gespräch" - ehestens ist es so eine Art Briefwechsel. Und dann, und bitte fluche nicht wegen meiner kleinteiligen Genauigkeitspusselei, was heißt hier "kennen" bzw. (noch seltsamer) "schon kennen"? - Ich halte dagegen: Jeder Satz, jede Einlassung zu irgend etwas, stehe für sich, mache also Sinn (oder Unsinn) einzig aus sich selbst. Enthält ein solcher Satz (Einlassung, evtl. ein ganzer Text) _Verweise_ auf andere Sätze (Texte), so sind natürlich diese Verweise mit zu berücksichtigen; all das steuert dann aber der *Verfasser* des jeweiligen aktuellen Textes und eben NICHT die - im einzelnen unerforschliche - Urteils/Vorurteils-Gemengelage (das ist das, was i.a. "kennen" genannt wird) des je aktuellen *Rezipienten*! > Ich will hier eben auch > Leute *kennenlernen*, egal auf welcher Ebene -- und dazu > gehört es eben auch, jemanden mit einiger Sicherheit > *wiedererkennen* zu können. Das ist mit Allonymen IMHO nicht > gegeben. Tja, und ich denke eben, dass ich "Leute" überall eher "kennenlernen" kann als im Usenet. Mir geht's hier doch eher um die - auch wenn's irgendwie bekotzt klingt - geistige Ebene (d.h. bei mir also "*nicht* "egal auf welcher Ebene""). Aber warum soll's nicht für beide was geben im Net? Tja, warum.... Für mich war jedenfalls bisher so gut wie nix dabei (geht nicht gegen Dich, sei nicht so empfindlich). Dabei müsste ich's doch eigentlich wissen, denn ich selbst habe mal geschrieben: "Wir sollten uns darüber im klaren sein, dass alle Kommunikation zwischen Menschen, egal, in welchem Medium, egal, zu welchem Thema, so gut wie immer den - eigentlich wichtigen - Subtext hat: "Hallo! Ist da jemand! Ich bin hier!" - Und wenn dann da jemand ist und antwortet - Das ist doch schon mal nicht wenig!" In diesem Sinne. Ich suche. MFG Stephan